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Tomte - Hinter all diesen Fenstern

Tomte - Hinter all diesen Fenstern

Label: Grand Hotel van Cleef
VÖ: 28. April 2003

Tracklist

  1. Für immer die Menschen
  2. Schreit den Namen meiner Mutter
  3. Die Bastarde, die dich jetzt nach Hause bringen
  4. Du bist den ganzen Weg gerannt
  5. Endlich einmal
  6. Neulich als ich dachte
  7. Von Gott verbrüht
  8. Insecuritate
  9. Das war ich
  10. Die Schönheit der Chance
„Das, was man hat, verschenken“
Von Christoph Koch

Es ist schwierig, die Qualität einer Band an ihrer Herzensgüte zu messen. Nett sind viele. Aber Tomte sind die einzigen, die ich kenne, die ihre Freigetränke mit beiden Händen an Freunde verschenken, die gekommen sind, um sie spielen zu sehen. Die dafür auch einen immer noch überfüllten Konzertraum mehrmals durchqueren. Und einem dann, wenn der Kopf zu schwer ist, um noch irgendwohin zu kommen (geschweige denn nach Hause) den ausgemergelten Arm um die Schulter legen und ein Nachtlager anbieten. Und am nächsten Tag einen Platz im Bandbus. Tomte – das sind Thees, Olli, Dennis und Timo – verschenken sich, verschwenden sich mit allem was sie tun. Mit aufgehaltenen Armen gehen sie dahin, wo es weh tut, wo Heilung und Zuspruch gebraucht wird. Dabei sagen sie dann Sachen wie „Es liegt alles offen vor dir“ und schwören, durchzuhalten.

„Du wirst Tage verbringen, an denen Zähne nicht knirschen.“Es ist 2003. Die Party ist vorbei. Jeder hat mittlerweile einen guten Freund, der gefeuert wurde. Immer mehr Menschen bekommen inzwischen diese Briefe von ihrer Bank, in denen etwas steht von „über den gemeinsam vereinbarten Kreditrahmen hinaus“ und „vieles lässt sich in einem einfachen Gespräch klären“.In diese unschöne Zeit hinein haben Tomte zusammen mit ihrem Produzenten Swen Meyer eine Platte aufgenommen, die Bestand haben wird. Sie wird Menschen berühren und glücklich machen, wie es das vor Jahren das erste Tocotronic-Album getan hat oder die letzte Viertelstunde von „Absolute Giganten“ oder Judith Hermanns Buch „Sommerhaus, später“. Denn sie macht Mut, sie spendet Trost, sie lehrt, das Leben zu lieben. Die Produktion, Vermarktung und Präsentation des Albums treten Tomte dabei nicht an einen seelenlosen Plattenkonzern ab, der in seiner übrigen Zeit schnelldrehende Fetenhits auf den Markt wirft, sondern nehmen sie mit ihrem eigenen Label Grand Hotel Van Cleef (vgl. Kettcar) selbst in die Hand. Coldplay und Embrace dürften die einzigen Bands sein, denen es ähnlich gut gelingt, grenzenlose Traurigkeit und euphorisierende Hoffnung zu verbinden. Frei von der Dummheit eiserner Kreuze auf Plattencovern. Frei von ironischer Abgebrühtheit.

„Wie gut die Zeit mit dir verrinnt, die uns bleibt, bis wir gehen. Lass mich vor dir sterben.“

Ähnlich dem letzten Tomte-Album „Eine sonnige Nacht“ dreht es auch diesmal um den Themenkomplex „in Würde älter werden“. Dabei geht „Hinter all diesen Fenstern“ sogar noch ein Stück weiter, nämlich auf die Suche nach grenzenloser Ruhe und Frieden. Es geht um die Liebe zu den Menschen und darum, diese zuzugeben und zuzulassen. Es geht um Schlaflosigkeit, um Träume und häufig auch um den Tod einer geliebter Person. Um den rührenden Wunsch, sein Leben für jemanden hingeben zu können. „Hinter all diesen Fenstern“ ist der Soundtrack für eine Generation, die sich nach Ruhe sehnt, aber gleichzeitig vor nichts so viel Angst hat. Die sich täglich durch „Krach und Schmutz und Staub“ kämpfen muss, auf der Suche nach einer Atempause, einem Schoß zum Ruhen oder „Zauberberg“-esken Liegekuren – und dabei trotzdem stets befürchten muss, etwas zu verpassen...

Von Elton John wird die Geschichte kolportiert, dass er einmal von einem Album einer Band, die ihm wichtig war, 100 Exemplare kaufte und jedem, den er wertschätzte, eine Kopie schenkte. Ich werde es ihm mit „Hinter all diesen Fenstern“ gleich tun. Es wird nicht für 100 Exemplare reichen, denn es ist 2003 und die Party ist vorbei. Der Brief von der Bank ist heute morgen gekommen.